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Zuhören, Verstehen, Reflektieren – Erfahrungen aus der Beschäftigtenbefragung des INCLUREG-Projekts

Das EU-geförderte Forschungsprojekt INCLUREG untersucht im Vierländereck Deutschland, Belgien, Luxemburg und Frankreich die Arbeitsfähigkeit, Teilhabechancen und organisationalen Rahmenbedingungen von Beschäftigten in Werkstätten für Menschen mit Behinderung. In diesem Rahmen wurden qualitative Interviews geführt, die subjektive Sichtweisen der Beschäftigten sichtbar machen und diese systematisch in die gesamte Projektarbeit einfließen lassen.

 

Was heißt eigentlich professionell zuhören?
Diese Frage stellen sich manche Sozialarbeitende täglich, zum Beispiel in Beratungsgesprächen, in der Begleitung von Menschen in schwierigen Lebenslagen oder in der Arbeit in Einrichtungen der Behindertenhilfe. Aber auch in der sozialwissenschaftlichen Forschung kann diese Frage von Bedeutung sein. Im Projekt INCLUREG, in dem ich problemzentrierte Interviews mit Menschen mit Behinderung geführt habe, wurde mir noch einmal sehr deutlich, wie anspruchsvoll echtes Zuhören sein kann.

Im Zentrum der Studie steht nicht die Bewertung von Lebensläufen oder die Erhebung „objektiver“ Daten, sondern die Frage, wie Menschen ihre subjektiven Sichtweisen im Kontext ihrer Arbeit erleben und erzählen. Für professionelle Praxis und Forschung ist das von zentraler Bedeutung: Narrative Perspektiven eröffnen einen Zugang zu Erfahrungen rund um Teilhabe, Abhängigkeit und Partizipation. Sie können aber auch Strategien zu Ressourcen und Inklusionsmöglichkeiten zeigen.

 

Interviews: Nähe, Zeit und Vertrauen

Die von mir geführten Interviews mit behinderten Beschäftigten der Werkstätten unterscheiden sich deutlich von klassischen Frage-Antwort-Gesprächen. Sie setzen auf freie Erzählimpulse und geben den Interviewpartner*innen Raum, selbst zu entscheiden, was wichtig ist und welche Themen eine Rolle spielen. Auch für Studierende, beispielsweise der Sozialen Arbeit, kann das einen wichtigen Impuls geben: Es geht zwar einerseits um das „richtige Fragenstellen“, andererseits ist die Haltung, das Geduldig-sein und die Beziehungsgestaltung von Bedeutung.

In der Praxis zeigte sich, dass solche Gespräche Zeit und Vertrauen benötigen. Manche Beschäftigte mit Behinderung aus den Werkstätten in Frankreich, Luxemburg, Belgien und Deutschland erzählten ausführlich und detailreich, andere waren zunächst zurückhaltend oder relativierten ihre eigene Erzählungen. Aussagen wie „Da gibt es eigentlich nichts Besonderes zu erzählen“ sind dabei keineswegs banal. Sie können oft auf lebenslange Erfahrungen, in denen die eigene Stimme wenig gefragt war oder Entscheidungen überwiegend von anderen getroffen wurden, verweisen. Gerade bei der späteren Auswertung entpuppten sich häufig vermeintlich banale Aussagen als wichtig und interessant.

 

Feldzugänge und institutionelle Rahmenbedingungen

Die Kontaktaufnahme erfolgte über die kooperierenden Einrichtungen des INCLUREG-Projekts innerhalb der Großregion. Beteiligt waren zwei Werkstätten für Menschen mit Behinderung in Belgien sowie jeweils eine Partnerwerkstatt in Frankreich, Luxemburg und Deutschland; pro Standort wurden sechs Beschäftigte befragt. Die Teilnahme an den Interviews war in allen Fällen freiwillig. Die Ansprache der Beschäftigten erfolgte über die jeweiligen Gruppenleiter*innen, die über das Projekt informierten und bei Interesse den Kontakt herstellten.

Dieses Vorgehen ist einerseits pragmatisch und meist alternativlos, bringt jedoch spezifische methodische Probleme mit sich. Durch die Rolle der Gruppenleitungen kommt es zu einer gewissen Vorselektion, etwa im Hinblick auf kommunikative Fähigkeiten oder vermutete Belastbarkeit der Beschäftigten. Was weitergegeben wird, ist also nie ganz „neutral“, sondern immer eingebettet in den Arbeitsalltag, die Verantwortung und die Einschätzungen der jeweiligen Einrichtung.

Dies war für mich ein wichtiger Lern- und Reflexionspunkt. Professionelles Handeln in der Forschung findet meist nicht im luftleeren Raum statt, sondern ist fast immer in die Organisationstrukturen und institutionellen Zuständigkeiten eingebettet. Diese Bedingungen müssen stets mitgedacht werden.

 

Einfach mal erzählen lassen

Ein wichtiges Ergebnis meiner Erfahrungen war, dass Erzählungen nicht immer geradlinig und chronologisch sind. Erinnerungen sind oft lückenhaft und Brüche im Arbeitsalltag werden oft übersprungen und unter Umständen erst auf Nachfrage sichtbar.

Hier zeigt sich auch eine Parallele zu vielen professionellen Praxisfeldern: Nicht jede Geschichte folgt einer klaren Linie und nicht jede Erfahrung lässt sich sofort in Kategorien einordnen. Entscheidend ist vielmehr, dass Erzählungen ernst genommen werden, auch wenn sie erst einmal widersprüchlich wirken. Für eine professionelle Beziehungsgestaltung ist das eine entscheidende Kompetenz.

 

Stephan Schmider und Carine Laubert (Mitarbeiterin bei INCLUREG) während der Interviews in Frankreich. Foto: htw saar

 

Methodische Reflexion als Teil professionellen Handelns

Das Forschungsprojekt war zugleich eine intensive methodische Lernerfahrung. Methodisches Arbeiten mit Interviews erfordert eine hohe Sensibilität für Machtverhältnisse, für Erwartungen auf beiden Seiten und für die eigene Rolle. Wann greife ich ein? Wann halte ich mich zurück? Wann strukturieren meine Nachfragen die Erzählung stärker, als mir bewusst ist? Diese Fragen stetig zu reflektieren und kritisch in die Auswertung einfließen zu lassen, ist nun eine zentrale Herausforderung, denn professionelles Handeln zeigt sich nicht zuletzt darin, eine gewisse Offenheit auszuhalten und zugleich verantwortungsvoll zu begleiten.

 

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