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Die Geldpolitik im Eurosystem

Am Vormittag des 11. Januar 2022 wurde Herr Jens Weidmann als Präsident der Deutschen Bundesbank verabschiedet und sein Nachfolger, Herr Joachim Nagel, in sein Amt eingeführt. Das vorzeitige Ausscheiden von Jens Weidmann wird von vielen Beobachtern als stiller Protest gegen die anhaltend sehr expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) interpretiert. Die EZB hatte im Juli 2021 einen kontrovers diskutierten Strategiewechsel vollzogen, und die Inflationsrate erreicht mit rd. 5 Prozent ein seit Jahrzehnten unbekanntes Niveau. Gleichzeitig wird innerhalb der EZB heftig darüber gestritten, inwieweit die aktuelle Inflation nur ein vorübergehendes Phänomen sei oder doch länger anhaltend und sich auch in den Erwartungen der Menschen verfestigen könnte.

Vor diesem spannenden Hintergrund erläuterte Bernd Kaltenhäuser, Präsident der Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbank in Rheinland-Pfalz und dem Saarland, auf Einladung von Prof. Dr. Leonhard Firlus von der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften am Nachmittag des 11. Januar 2022 die Geldpolitik der EZB. Bedingt durch die Corona-Pandemie konnte diese Veranstaltung nur digital durchgeführt werden.

Bernd Kaltenhäuser gab zunächst einen Überblick über die Deutsche Bundesbank und die Entwicklung gesamtwirtschaftlicher Größen wie Zinssätze, Bruttoinlandsprodukt, Staatsverschuldung und Inflationsraten im Euroraum. Anschließend erläuterte er die Instrumente der EZB zur Zinssteuerung und Liquiditätsversorgung mit deren Hilfe letztlich die Entwicklung des Preisniveaus über den sogenannten Transmissionsmechanismus gesteuert werden soll. Bis Mitte 2021 lautete das Ziel der EZB, die Inflationsrate mittelfristig unter, aber nahe 2 Prozent zu halten, und dieses Ziel wurde über den gesamten Zeitraum seit Einführung des Euro im Jahre 1999 im Durchschnitt ziemlich präzise erreicht.

Bereits seit 2014/15, als die Inflationsrate im Euroraum kurzfristig sogar ins Minus geraten war, hatte die Liquiditätsversorgung vor allem durch diverse Aufkaufprogramme seitens der EZB stark zugenommen und explodierte förmlich nach Ausbruch der Corona-Pandemie. Dies führte einerseits zu einer enormen Überschussliquidität bei den Banken und trug andererseits sicherlich auch zu dem starken Anstieg verschiedener Vermögenspreise, wie Aktienkurse und Immobilienwerte, bei. Kritisch zu sehen ist hierbei unter anderem auch, dass es sich bei fast 80 Prozent der Käufe um Staatsanleihen handelt.

Im Juli 2021 beschloss die EZB eine Änderung ihrer Strategie, wonach nunmehr mittelfristig eine Inflationsrate von 2 Prozent angestrebt wird, wobei Abweichungen nach unten und oben als gleichermäßen unerwünscht eingestuft werden. Die verschiedenen Ankaufprogramme werden in leicht veränderten Form fortgesetzt, und die Tilgungsbeträge werden weiterhin vollumfänglich wieder angelegt. Die Leitzinsen bleiben auf historisch niedrigem Niveau. Dadurch bleibt die Geldpolitik der EZB auf absehbare Zeit sehr expansiv.

Seit Mitte 2021 ist die Inflationsrate, wie bereits dargestellt, auf rund 5 Prozent gestiegen, und es herrscht innerhalb der EZB große Uneinigkeit, inwieweit dieser Anstieg primär auf Sondereffekte, wie Veränderungen bei den Mehrwertsteuersätzen, Lieferengpässen und das pandemiebedingt niedrige Preisniveau im Vorjahr als Vergleichswert (Basiseffekt), zurückzuführen sind. Die Deutsche Bundesbank mahnt bekanntermaßen seit längerer Zeit hier zu einem sehr vorsichtigen Verhalten.

Zum Schluss seiner Ausführungen ging Bernd Kaltenhäuser noch kurz auf die abnehmende Bedeutung des Bargelds und die Überlegungen im Eurosystem zur Einführung einer digitalen Zentralbankwährung ein.

Nach diesem sehr interessanten Vortrag stand er noch zur Beantwortung einiger Fragen aus dem Publikum zur Verfügung.

Der auf Englisch gehaltene Vortrag fand statt im Rahmen der Vorlesung „Macroeconomics“ von Prof. Dr. Leonhard Firlus vor Studierenden der Bachelor-Studiengänge International Business und Internationales Tourismus-Management. Als Gast konnte auch Hans-Christian Hehn, der Leiter der Filiale der Deutschen Bundesbank in Saarbrücken, begrüßt werden.

Zur Deutschen Bundesbank gehören neben der Zentrale in Frankfurt neun Hauptverwaltungen, eine davon mit Sitz in Mainz. Dieser Hauptverwaltung unterstehen wiederum vier Filialen, eine davon in Saarbrücken in der Hafenstraße. Wir alle haben indirekt tagtäglich mit dieser Filiale zu tun, denn sie ist verantwortlich für die Bargeldversorgung in der Region.

 

Bernd Kaltenhäuser, Präsident der Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbank in Rheinland-Pfalz und dem Saarland.
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