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Erfahrungsbericht: Live Online-Vorlesungen mit Streaming-Werkzeugen

Mit diesem Beitrag möchte ich eine kurze und knappe Übersicht meiner Erfahrungen mit unterschiedlichen Werkzeugen im Rahmen von live Online-Vorlesungen geben. Dabei werde ich auch darauf eingehen, wie man mit geringen finanziellen und räumlichen Ressourcen eine Ausstattung realisieren kann, die vielversprechende Möglichkeiten in der Online-Lehre (live und aufgezeichnet) bietet. Vielleicht hilft dies Kolleginnen und Kollegen in dem einen oder anderen noch anstehenden Corona-Semester und auch darüber hinaus.

Hintergrund ist das Feedback meiner studentischen Gruppen in den letzten beiden Semestern, die sich stark für live Online-Veranstaltungen ausgesprochen haben, um dadurch Interaktionen mit anderen Menschen und einen geregelten zeitlichen Rahmen durch den Stundenplan zu haben.

1) Anwendungsfälle

Für meine typischen Lehrveranstaltungen im Bachelor und im Master habe ich für mich die folgenden Anwendungsfälle identifiziert:

Wartebildschirm zur Einstimmung auf die Veranstaltung: Mit dieser Szene kann die Zeit vor Beginn der Lehrveranstaltung zur Information, Auflockerung und/oder Einstimmung genutzt werden. Durch einen Countdown, z.B. fünf Minuten vor Vorlesungsstart wird nachvollziehbar und verbindlich der Beginn kommuniziert. Die Idee stammt von Klaus Dittrich aus einer Fortbildung der iQ (internen Qualifikation).

Ansicht einer PowerPoint-Präsentation: Dies ist der „klassische“ PowerPoint-Vortrag, auch bekannt als „Death by PowerPoint“ 😉, bei dem auch Markierungen etc. direkt in den Folien vorgenommen werden können. Im Sommersemester gab es das Feedback der studentischen Gruppen, mich dabei auch live sehen zu wollen, weshalb das Bild meiner Webcam (wie aus typischen Videos und Streams bekannt) unten rechts eingeblendet wird.

„Tafelanschrieb“: In einigen Fällen kann man Sachverhalte und Zusammenhänge besser durch Skizzen und handschriftliche Ausführungen schnell und übersichtlich darstellen. Dies lässt sich einfach und kostengünstig durch eine Dokumentenkamera oder eine passend montierte Webcam sowie einem einfachen Block der htw saar realisieren. Hierfür bieten sich kräftige Stifte in verschiedenen Farben an, mit denen sich (laut Teilnehmern) hilfreiche Tafelbilder erstellen lassen – diese können dann im Nachgang als PDF über Moodle der Gruppe zur Verfügung gestellt werden. Wie zuvor schon erwähnt macht auch hier das Einblenden des Dozenten in der unteren rechten Ecke Sinn, um „Augenkontakt“ zur Gruppe behalten zu können.

Nutzung eines Browsers (ebenfalls mit Einblenden des Dozenten in der unteren rechten Ecke): Hierbei gibt es mehrere scheinbar ähnliche, aber didaktisch unterschiedliche Anwendungsfälle und entsprechende Szenen.

  1. Recherchen im Web: Während Vorlesungen und vor allem den Diskussionen darin kommt es immer wieder vor, dass verwandte Themen angeschnitten werden, zu denen wir dann Details gemeinsam recherchieren wollen, z.B. was Elon Musk getwittert hat und ob sich dies möglicherweise auf den Aktienkurs von Tesla ausgewirkt hat – die Studenten nennen dies oft liebevoll „abschweifen“.
  2. Zeigen von Dokumenten, z.B. Übungsblättern: Für das Verteilen von Aufgabenblättern oder Unterlagen zum Selbststudium sind trotz vieler Alternativen PDFs nach wie vor ein etablierter und Plattform-übergreifender Standard. In jedem typischen Webbrowser wie Chrome, Firefox usw. können PDFs direkt angezeigt werden. Dies gilt auch für anderen Medienformate wie Bilder, Videos und Audio-Dateien.
  3. Demonstrationen in Moodle: Auch wenn man viel erzählen und schreiben kann, so hilft z.B. gerade in Moodle bei Abgaben, Umfragen etc. das direkte Zeigen und Ausprobieren mit der gesamten Gruppe im entsprechenden Moodle-Kurs sehr viel.
  4. Live Coding: In anwendungsorientierten Fächern wie z.B. der Informatik werden häufig auch zu Demonstrationszwecken Experimente durchgeführt und/oder theoretische Konzepte durch Programmierung praktisch umgesetzt. Das in Praxis, Lehre und Forschung verbreitete „Jupyter Notebook“ lässt sich hierfür sehr gut verwenden und erlaubt auch die einfache Weitergabe der Ergebnisse via Moodle.
  5. …es sind viele weitere Szenarien denkbar, wie z.B. das Abspielen von Videos, gemeinsame Etherpad-Dokumente, Umfragen, die Nutzung von Kahoot etc.

2) Umsetzung

Da ich weder zu Hause noch im Büro den Platz für ein professionelles Fernsehstudio habe und ich meinen Arbeitsplatz auch weiterhin für mehr als Online-Vorlesungen benutzen wollte, war das Finden und Zusammenstellen eines geeigneten und bedienbaren Aufbaus eine Herausforderung. Eine am regulären Arbeitsplatz benutzbare und auch bezahlbare Version (<500 EUR) sah dann folgendermaßen aus:

  • Mikrofon am Schwenk-Arm, dies lässt sich auch für Video-Aufzeichnungen und eine qualitativ hochwertige (Video-)Telefonie nutzen
  • Webcam auf dem Monitor zur Aufnahme des Dozenten
  • Dokumentenkamera zur Aufnahme der „Tafel“, alternativ eine Webcam am Schwenk-Arm
  • Handelsüblicher Notizblock als „Tafel“
  • Ringleuchte zur Verbesserung der Lichtverhältnisse – je nach Büro- und Fenster-Anordnung sind möglicherweise weitere Lichtquellen notwendig (z.B. als Softbox)
  • Regiesteuerung über eine handelsübliche Tastatur zum Umschalten zwischen den oben beschriebenen Anwendungsfällen („Szenen“)

Kombiniert wurde diese Hardware über die (kostenlose) Software OBS (https://obsproject.com/), die im Streaming-Bereich weit verbreitet ist und professionelle Ansprüche erfüllt. Gerade Neulinge können mit dieser Software mit relativ geringem Aufwand sehr hilfreiche Medienzusammenstellungen erstellen. An dieser Stelle vielen Dank an Malte Beinhauer für den initialen Hinweis.

Mit OBS konnten dann die oben beschriebenen Anwendungsfälle als sog. „Szenen“ realisiert werden, im live Betrieb ist ein nahtloses Umschalten zwischen diesen Szenen einfach über die Tastatur (Ziffernblock) möglich.

Der von OBS generierte Videostream (in der jeweiligen Szene) kann dann an MS Teams, BigBlueButton und andere Werkzeuge als „geteilter Bildschirm“ oder als „Virtuelle Webcam“ übertragen werden. Eine Aufnahme als Videodatei ist auch einfach durch Knopfdruck möglich. Eine stark vereinfachte Darstellung des Gesamtsystems sieht folgendermaßen aus:

Hierfür wurde ein handelsüblicher, ein paar Jahre alter PC verwendet (<1k EUR), der lediglich vom Arbeitsspeicher etwas aufgerüstet werden musste, um die Vielzahl der gleichzeitig laufenden Anwendungen ruckelfrei bedienen zu können (32GB RAM).

Gerade die gleichzeitige Nutzung von mehreren unterschiedlichen Anwendungsfenstern war im live Betrieb die größte Herausforderung und erforderte Übung und vor jeder Lehrveranstaltung eine sorgfältige Vorbereitung. Meiner Erfahrung nach sind hierfür auch mind. zwei Monitore notwendig, siehe nachfolgendes Schaubild:

3) Ausblick

In einem möglichen Folgebeitrag könnte ich noch Erfahrungen hinsichtlich der Interaktion mit studentischen Gruppen vorstellen. In diesem Bereich hatte ich interessante didaktische Erlebnisse z.B. mit anonymer Interaktion, was erstaunlich gut und über das ganze Semester mit größeren Gruppen (>50 Studenten) funktioniert hat.

 

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