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Ergebnisse der neuen „Covid Saar“-Studie zeigen, wie unterschiedlich die einzelnen Infektionswellen das Saarland belastet haben

Ein Vergleich der Befragungsergebnisse innerhalb der „Covid_Saar“-Studie zeigt die Belastungen verschiedener Bevölkerungsgruppen in den einzelnen Pandemiephasen aber auch Positives sowie Zukunftswünsche für die Post-Covid-Zeit auf. Viele verzeichneten einen Arbeitsanstieg – deutlich weniger einen Einkommensanstieg. Über die Bevölkerungsgruppen hinweg zeigt sich: Ältere Befragte sorgen sich mehr um langfristige Folgen, fühlen sich aber deutlich weniger betroffen und eingeschränkt als jüngere Befragte.

Mit der „Covid Saar“-Studie hat ein Forscherteam der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (htw saar) aus dem Bereich empirisches Marketing um Prof. Dr. Tatjana König seit Frühjahr/Sommer 2020 über 1.900 Saarländer im Alter von 18 bis 87 Jahren befragt. Das von der Staatskanzlei mit Mitteln aus dem Landesforschungs­förderungs­programm geförderte Projekt geht der Frage nach, wie sich die COVID-19-Zeit auf das Leben im Saarland in und nach der Pandemie auswirkt. Nun liegen weitere Ergebnisse der Befragung während der dritten Infektionswelle vor, bei der es durch die Unterstützung des Netzwerks Onlinerland Saar gelungen ist, verstärkt ältere Saarländer in die Erhebung einzubinden. Auch ein erstes Fazit zu den Entwicklungen über die verschiedenen Lockdown-Phasen hinweg zeigt, dass in den verschiedenen Pandemiephasen unterschiedliche Sorgen, Emotionen und Wünsche dominierten. In den verschiedenen Bevölkerungsgruppen konnte das Forscherteam spürbare Auswirkungen der Corona-Pandemie messen, wenn auch in unterschiedlichen Formen und Ausprägungen. Insgesamt weisen die Einbußen in Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden nicht auf Gewöhnungseffekte an die Corona-Situation hin.

 

Abb. 1: Veränderungen der Arbeitsintensität und des Haushaltseinkommens im Verlauf der COVID-19-Pandemie

 

Die Unterstützung des Vorhabens war Ministerpräsident Tobias Hans von Beginn an ein wichtiges Anliegen „Es war zu jedem Zeitpunkt klar, dass die mit der Pandemie verbundenen Einschränkungen auch Belastungen für die Saarländerinnen und Saarländer mit sich bringen. Die Förderung der „Covid Saar“-Studie hat einen großen Beitrag geleistet, die unterschiedlichen Belastungen der Saarländerinnen und Saarländer während der letzten anderthalb Jahre zu erfassen und auch messbar machen zu können. Im Rahmen der ersten Erhebungen konnten dazu bereits viele wichtige Daten und Erkenntnisse gewonnen werden. Ich freue mich, dass die Studie weitergeführt wird und auch in der Nach-Pandemie-Zeit erfassen wird, wie sich die Lebenszufriedenheit im Saarland entwickelt.“

Für einen Großteil der Saarländer bedeuteten die Pandemiephasen nicht nur deutliche Einschränkungen und emotionale Belastungen, sondern auch einen spürbaren Anstieg der Arbeitsintensität (s. Abb. 1). Dieser Anstieg schlug sich jedoch gerade in der ersten Pandemiewelle selten in einem gestiegenen Haushaltseinkommen nieder. 23,3 % der Befragten erlitten sogar finanzielle Einbußen. In der zweiten und dritten Pandemiewelle gaben ca. 26 % bzw. 23 % der Befragten einen Einkommensrückgang an, während sich bei knapp über 20 % der Befragten ein Anstieg des Einkommens zeigte. Demgegenüber lag der Anteil der Befragten, die einen Arbeitsanstieg verzeichneten, mit jeweils über 40 % deutlich höher. Dabei waren die Sektoren und Branchen recht unterschiedlich vom Arbeitsanstieg betroffen. Während Befragte aus dem öffentlichen Bereich, insbesondere im Bereich Gesundheitswesen sowie Erziehung, Unterricht und Lehre einen deutlichen Anstieg der Arbeitsintensität sowie ein hektischeres Arbeitsumfeld verspürten, zeigte sich das Baugewerbe am wenigstens von den Pandemieauswirkungen tangiert. Während der zweiten Infektionswelle kam es bei Befragten aus dem Bereich Industrie und während der dritten Infektionswelle bei Befragten aus dem Bereich Handel am ehesten zu finanziellen Einbußen.

Die während und teilweise auch zwischen den Pandemiewellen übliche Verlagerung von Büroarbeitsplätzen ins Homeoffice hat zwischenzeitlich schon fast zu einer neuen Normalität geführt. Dies gilt insbesondere im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie, aber auch teilweise in der öffentlichen Ver­waltung. Knapp die Hälfte der Berufstätigen wünschten sich in der letzten Befragung auch nach der Corona-Zeit zumindest zeitweise weiter im Homeoffice zu arbeiten. Dieser Wunsch ist bei jüngeren Altersgruppen deutlich stärker ausgeprägt als bei Berufstätigen über 50 Jahren.

Weiterhin untersuchte die „Covid Saar“-Studie die Sorgen der Saarländer. Dabei fällt auf, dass die Sorgen um eine staatliche Überschuldung im Frühjahr 2021 nochmals deutlich angestiegen sind (im Vergleich zum Herbst/Winter 2020). Zusätzlich sorgen sich mehr als drei Viertel der Befragten um psychische Folgen der Kontaktbeschränkungen für Kinder und Jugendliche. Über 70 % der Befragten finden eine mögliche Benachteiligung durch Home-Schooling besorgniserregend. Dabei fällt auf, dass sich die älteren Saarländer (50+) am meisten um die Auswirkungen Corona-Pandemie sorgen (s. Abb. 2).

 

Abb. 2: Veränderungen der Sorgen in den verschiedenen Altersgruppen während der dritten Infektionswelle

Aktuell gibt es durch eine steigende Impfquote und ein neues Saarland-Modell Hoffnung auf das, was sich die Saarländer seit spätestens letztem Herbst immer stärker wünschen: eine zumindest teilweise Rückkehr der Normalität. Während der 3. Welle hatte sich die Corona-Müdigkeit messbar zugespitzt. Mit einem Anstieg von 15 % im Vergleich zur zweiten Welle wünschten sich über 90 % der Befragten endlich wieder unbeschwert zu leben. Weiterhin gaben sieben von zehn Befragten an, das „Corona-Thema mit all seinen Begleit­erscheinungen total leid“ zu sein.

Ein Vergleich der Befragungsergebnisse während der verschiedenen Wellen zeigt ebenfalls die Spuren auf, die die unterschiedlichen Pandemiephasen hinterlassen haben (vgl. Abb. 3). Während in der ersten Welle noch der Optimismus überwog, litten die Menschen während der zweiten Welle im Herbst/Winter 2020 v.a. unter Isolation. Mit der dritten Phase machte sich vorwiegend eine Frustration unter den Befragten breit. Auch für die verschiedenen Bevölkerungsgruppen lassen sich Unterschiede in der emotionalen Belastung feststellen: Jüngere, insbesondere Frauen unter 30, zeigen insgesamt den höchsten psychischen Leidensdruck – mittlere Altersgruppen leiden trotz der höchsten Arbeitsintensität weniger. Ältere sind trotz der hohen Sorgen mit Abstand am wenigsten direkt emotional betroffen.

 

Abb. 3: Veränderungen der Emotionen im Verlauf der COVID-19-Pandemie

Mit der aktuell letzten Befragung hat das Forscherteam auch interessiert, wie die Menschen im Saarland wiedergewonnene Freiheiten nutzen möchten. Insgesamt haben nur ca. 18 % der Befragten kein oder nur ein geringes Bedürfnis, schnellstmöglich einiges davon nachzuholen, auf das lange verzichtet wurde. Mehr als drei Viertel der Befragten verspüren einen Nachholbedarf beim Reisen und bei Gastronomie-Besuchen. Der größte Nachhol­bedarf zeigt sich bei den Saarländer*innen im Bereich soziale Kontakte: knapp neun von zehn Befragten wollten möglichst schnell wieder Freunde und Bekannte treffen. Der geringste Nachhol­bedarf scheint im Bereich Shopping zu bestehen. Darüber hinaus zeigte sich, dass Befragte über 50 Jahren ein deutlich niedrigeres Kompensationsbedürfnis haben als jüngere Saarländer*innen, welche die Ein­schränkungen der Freizeit-Aktivitäten stärker betroffen hat (s. Abb. 4).

 

Abb. 4: Nachholbedarfe der verschiedenen Altersgruppen während der dritten Infektionswelle

Wie sehen die nächste Schritte aus? Für die Forscher ist insbesondere spannend zu sehen, wie sich die Lebenszufriedenheit im Saarland in der Nach-Pandemie-Zeit entwickeln wird. Denn über alle Pandemiephasen hinweg ist die Lebenszufriedenheit jeweils bei über der Hälfte der Befragten gesunken, mit den höchsten Einbußen in der zweiten Welle (> 60 %). Bewirkt die Corona-Zeit einen langfristigen Rückgang der Lebenszufriedenheit? Oder springt sie vielleicht nach der Pandemie auf ein höheres Niveau, weil nach den Einschränkungen vieles, was vorher selbstverständlich schien, nun mehr Wertschätzung erfährt? Letzteres lässt sich zumindest vermuten, da in der dritten Welle über drei Viertel der Aussage zustimmten, ihre Prioritäten überdenken zu wollen und mehr als 80 % gaben an, ihre Freiheit mehr wertzuschätzen als vorher.

Insgesamt zeigte sich, dass unter 30-Jährige die stärksten negativen psychischen Folgen durch die Krise erlitten. Saarländer in höheren und mittleren Altersgruppen zeigten währenddessen eine höhere Krisenfestigkeit. Das Fazit des Forscherteams? Während zu Beginn der Pandemie der Schutz der besonders vulnerablen – in der Regel älterer – Gruppen im Fokus stand, ist die Herausforderung nun mit steigender Impfquote, die Folgen der Krise für die jüngeren Altersgruppen abzumildern. Aber auch positive Veränderungen sollten nicht außer Betracht gelassen werden, so schrieb ein Befragter: „Die Corona-Zeit hat der Gesellschaft gezeigt, dass man auch den eigenen Egoismus ablegen muss, wenn man Ziele gemeinsam erreichen will. Ich glaube, hoffe und erwarte, dass es in der Gesellschaft nun noch mehr ein Miteinander statt Gegeneinander gibt“.

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