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„Ohne meine Tochter hätte ich nicht studiert“

Die htw saar lässt sich derzeit im Rahmen eines Audits in Sachen Diversity auf Herz und Nieren prüfen. Daraus entstanden ist das Label „Faktor Vielfalt“, unter dem zukünftig Maßnahmen und Aktionen zu finden sind. Die erste öffentlichkeitswirksame Maßnahme ist eine Aufsteller-Aktion an den Standorten der Hochschule. Dazu wurden an der Hochschule 13 Interviews durchgeführt, denn Vielfalt zeigt sich in den unterschiedlichen Studien-, Bildungs- und Berufswegen sowie Lebensläufen der Studierenden und Beschäftigten der htw saar. Diese Vielfalt beeinflusst und bereichert unseren (Hochschul-)Alltag. Überzeugen Sie sich in unserer neuen Reihe von unserem Faktor Vielfalt!

Diesen Monat stellen wir Ihnen Verena Comperl vor:

„Das erste Semester habe ich jede Vorlesung genossen. Ganz egal, was es war. Ich hatte zum ersten Mal wieder Zeit für mich. Nach über einem Jahr 24 Stunden pro Tag mit Baby waren das die ersten Freiräume, die ich mir geschaffen hatte,“ erinnert sich Verena Comperl an ihr erstes Semester an der htw saar. Studieren mit Kind – viele können sich das nicht vorstellen. „Für mich war das eine der besten Entscheidungen im Leben. Zu dieser Entscheidung bin ich auch gekommen, weil ich auf Instagram vielen alleinerziehenden Müttern folge und da auch Studentinnen drunter waren. Das hat mich inspiriert. Mit einer habe ich viel geschrieben, sie hat mich sehr dazu ermutigt. Ein völlig fremder Einfluss, ohne den ich mich das nicht getraut hätte. Ich würde heute jeden dazu ermutigen, mit Kind zu studieren und dass es zum Studieren nie zu spät ist.“

Verena Comperl ist dieses Jahr 30 geworden. Nach ihrem Abitur jobbte sie bei Möbel Martin in der Marketing-Abteilung und entdeckte Marketing für sich. „Die Ausbildung zur Fachfrau für Marketingkommunikation habe ich bei einer Agentur gemacht. Es folgten verschiedene Jobs.“ Und dann kam ein Angebot aus Offenburg. Sie wollte eigentlich eine Auszeit nehmen und eine Saison lang auf einer Berghütte mitarbeiten. Eine Agentur für Onlinemarketing für Hotels im Alpenraum bot ihr einen unbefristeten Job an. Sie sollte für 4- und 5-Sterne Hotels im Alpenraum arbeiten. „Was macht man da? Hütte oder Job? Die Alpen hatte ich auf jeden Fall, so dass ich mich für den Job entschied. In Offenburg war ich als Kundenberaterin tätig und war jeden Monat in den schönsten Hotels und Urlaubsgebieten unterwegs mit super interessanten Kunden im Schwarzwald, in Bayern, Österreich, der Schweiz und Italien. Ich war in Zermatt, in Sass-Fee, in Südtirol – immer in Vier- und Fünf Sterne Häusern.“ Verena Comperl hatte das, was ihre Kommilitonen im Studiengang ITM alle wollen: einen Traumjob.

Warum gibt man das auf? „Man kriegt ein Kind und entschließt sich dann zum Vater des Kindes zu ziehen. Geschäftsreisen sind mit einem kleinen Kind kaum machbar. Nach 14 Monaten Elternzeit wurde klar, dass ich nicht nach Offenburg zurückgehe. Ich war zu diesem Zeitpunkt wieder getrennt und alleine mit Kind nach Offenburg? Das  wäre im Leben nicht gegangen. So stand für mich fest, dass ich wieder in meine Heimat zurückgehe und mich dort neu orientiere.“

Die Elternzeit lief bis zum 15. Oktober 2016. Verena Comperl hatte sich nach Jobs umgesehen. Schlecht bezahlte Halbtagsstellen als Marketingmitarbeiterin hatten sie nicht wirklich gereizt. „Ich hatte schon immer bereut, nicht studiert zu haben. Lange hatte ich den Wunsch, das nachzuholen. Aber man gibt keinen Job für ein Studium auf, zu schnell hat man sich ans Geld verdienen gewöhnt und einen Lebensstandard entwickelt, den man nicht so einfach aufgeben kann. Im Oktober 2016 dachte ich mir: ich fange sowieso bei null an, warum dann nicht den Traum vom Studium erfüllen und meiner Tochter und mir eine Zukunft sichern?“

Der Studiengang Internationales Tourismus-Management hatte es ihr angetan. Sie kann dort ihre bisherige Berufserfahrung gut einbringen. „Ich habe mich für Internationales Tourismus-Management entschieden, mit dem Ziel später ins Hotelmanagement zu gehen. Bei ITM denkt jeder, dass man viel reisen muss. Aber es gibt an jedem Ort Hotels.“ Die Grenzlage des Saarlandes kommt ihr für das vorgeschriebene Auslandspraktikum gerade recht. „Das ist von Saarbrücken aus kein Problem. Ob ich zur htw saar fahre oder zum Praktikum nach Forbach, Metz oder Luxemburg, ist egal. Ich habe die Option weiter weg zu gehen, aber ich kann genauso gut auch hier in der Ecke bleiben.“

Das i-Tüpfelchen zu Beginn des Studiums: Sie hat ein Aufstiegsstipendium bekommen, bei dem Berufserfahrung und Familienverantwortung zählen, und sich so die Finanzierung der Studienzeit erleichtert.

Comperl studiert mit Kommilitonen, die im Schnitt 10 Jahre jünger sind als sie. „Enge Freundschaften kommen da nicht raus. Die Interessen sind zu unterschiedlich. Sie finden mein Kind total süß. Aber was Studieren mit Kind wirklich bedeutet, wissen sie nicht, das können sie gar nicht wissen.“ Und so kommt schnell Neid auf. Neid auf vermeintliche Privilegien und Sonderregeln. Wenn es denn Privilegien sind – Nachteilsausgleich trifft es wohl besser. „Wenn meine Tochter bei mir ist, kann ich nicht mal eine Überweisung am Computer machen. Da geht einfach gar nichts.“ Andere, die nicht in der Situation sind, können nicht nachvollziehen, was ein Kind bedeutet. Lachend ergänzt sie „Zum Glück weiß man es vorher selber nicht.“

Leider reagieren selbst die Lehrkräfte nicht immer Verständnisvoll auf ihre spezielle Situation. Manchmal schafft man es einfach nicht eine Hausarbeit rechtzeitig abzugeben. Und das nicht weil man abends oder am Wochenende einen Trinken war, sondern weil Kinderkrankheiten dazwischen kommen. Meine Tochter hatte in den letzten beiden Semestern alles durchgemacht – vom Noro-Virus über die Hand-Mund-Fuß-Krankheit bis hin zu einer Lungenentzündung. Alles hochinfektiöse Krankheiten bei denen ich mein Kind nicht fremdbetreuen lassen kann und will. In solchen Zeiten bleibt einfach vieles liegen.“ So muss Verena Comperl oft den Weg über das Fakultätssekretariat gehen und Anträge stellen. Ein Mehraufwand der sich am Ende meistens lohnt. Hinter ihr steht der Studiengangsleiter für den die Situation „Studentin mit Kind“ auch neu ist, da es gerade in den internationalen Studiengängen eher die Seltenheit ist.

Gehen Beschäftigte mit Kindern anders mit ihr um? „Definitiv. Sie sind verständnisvoller. Wenn ich morgens eine viertel Stunde zu spät komme, dann lächeln die mich an und nicken.“ Auch der Umgang mit dem Handy müsste individuell geregelt werden. Sicher lenken sich manche mit dem Blick aufs Handy ab und checken den Facebook-Status. Das macht Verena Comperl nicht. Wenn sie das Handy checkt, dann meist in ihrer Rolle als Mutter. Jederzeit könnte die Kita anrufen, dass man das Kind abholen muss.

Zum Thema familiengerechte Hochschule legt Verena Comperl im Gespräch den Finger in die Wunde der Hochschule. Die htw saar hat unter anderem ein Eltern-Kind Zimmer, eine mobile Spielebox und einen Familienpass, der für das Kind ein Gratis-Essen in der Mensa bietet. „Das Eltern-Kind-Zimmer ist schön, ich freue mich immer wenn ich daran vorbeigehe. Aber für die Studierenden sehe ich den Nutzen nicht. Wenn man im Eltern-Kind Zimmer sitzt, kriegt man genauso wenig von der Vorlesung mit, wie zu Hause. Das, was die htw saar hat, sind Dinge, davon hängt mein Studium nicht ab. Aber ob ich mir meine Vorlesungen online nochmal anhören kann oder ob ich Dozenten habe, die Rücksicht bspw. bei der Anwesenheit nehmen – davon hängt das Studium ab.“

Flexibilität würde ihr helfen. So hat Verena Comperl in den Semesterferien die Zeit, Hausarbeiten zu schreiben und Präsentationen vorzubereiten. Die Kleine ist morgens in der Kita. Das bedeutet Zeit zum Studieren. Doch auch auf Anfrage wurden keine Aufgaben vergeben. „Das verstehe ich nicht. Die Themen stehen über Semester fest. Es gibt eine große Liste aus der sich zu Beginn des Semesters jeder ein Thema aussucht. Ich brauche gar nicht das Privileg, mir ein Thema vor allen anderen auszusuchen, es ist mir egal, welches ich bearbeite, ich brauche nur eins, um die vorlesungsfreie Zeit sinnvoll nutzen zu können.“ Alles nachfragen hilft nicht – an den Regeln wird teilweise stur festgehalten.

Man muss als Studierende mit Kind gut organisiert sein, hilfreich ist auch eine Familie im Hintergrund. „Die Kita schließt schon immer um halb drei. Sie ist sehr schön, Elisabeth wächst dort behütet auf, ich habe ein gutes Gefühl bei dieser Kita. Wenn ich nachmittags Vorlesungen habe, holen meine Eltern die Kleine ab und betreuen sie. Eigentlich ist das Studium ein guter Zeitpunkt, um Kinder zu kriegen. Das hätte ich nicht gedacht. Es ist von der Einteilung her einfacher. Ich habe letztes Jahr drüber nachgedacht, mit einem Job anzufangen. Jeden Job hätte ich mit einem Kind das Krank wird, verloren, wenn ich in zwei Monaten drei Wochen oder mehr krankheitsbedingt gefehlt hätte.“ Deswegen nimmt Verena Comperl auch an der Aktion Faktor Vielfalt teil. „Ich finde es gut zu zeigen, dass es auch studierende Eltern gibt. An der Hochschule wird man nicht mit Kind gesehen. Deswegen finde ich es gut, die Situation in der man vielfältig ist, zeigen zu können.“

 

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