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Amsterdam 2040

Vom 27. bis 30. Juni 2019 besuchten die Studierenden des Master-Studiengangs International Management Amsterdam. Die Exkursion war Bestandteil des Wahlpflichtmoduls „International Tourism Management“. Auf dem Programm standen Expertentreffen, Betriebsbesichtigungen und Ortserkundungen. Diese dienten als Grundlage zur Entwicklung von Szenarien zu „Urban Tourism in 2040“.

Amsterdam boomt. Über 18 Millionen Gäste besuchten die niederländische Hauptstadt im vergangenen Jahr. Eine Stadt mit 860.000 Einwohnern. Wenn es um Overtourism – das Phänomen des übermäßigen Besucherdrucks auf Tourismusdestinationen – geht, dann gilt die Stadt als trauriges Paradebeispiel. Aber auch für ihre kreativen Anpassungsstrategien, die moderne Stadtentwicklung und das kluge Management wird sie immer wieder angeführt. Das macht sie zu einer hochspannenden Fallstudie für ein Gedankenexperiment: Wie wird Tourismus in Städten in 20 Jahren aussehen?

Themenpark Amsterdam

„Eigentlich ist das Zentrum Amsterdams mittlerweile ein riesiger Themenpark“, erklärt Hans van Driem. Der ehemalige Direktor der niederländischen Tourismusbehörde muss es wissen. Er arbeitet seit Langem als Projektentwickler für Freizeitparks. Allerdings sei die Stadt – im Vergleich zu Freizeitparks – relativ schlecht gemanagt. Zwar versuche man, die anschwellenden Besucherströme zu verstehen und zu steuern; administrative Hürden, unflexible Öffnungszeiten und ein mangelndes Verständnis der touristischen Bedürfnisse seien jedoch noch Alltag. Hans erklärt die Wirkfaktoren, die die touristische Nachfrage beeinflussen – von Billigfliegern hin zu einem wachsenden Interesse in den neuen Quellmärkten in Asien und Südamerika –, gibt Beispiele für mögliche Veränderungsmaßnahmen und stellt dann sein neues Projekt vor: vor den Toren der Stadt soll HollandWorld entstehen. Ein riesiger Freizeitpark, der das „Holland-Feeling“ komprimiert und durch Attraktionen und VR-Erlebnisse angereichert, in kurzer Zeit erlebbar macht. So will er etwas Druck aus der überlaufenen Innenstadt ableiten und die Besucherdauer und die Ausgaben der gestressten Europatouristen – Chinesen besuchen elf Städte in zwöf Tagen, erklärt er – erhöhen.

 

Hans van Driem reflektiert die Tourismusentwicklung in Amsterdam und stellt sein Konzept für den Themenpark „HollandWorld“ vor.

 

Susanne Seeliger begibt sich in die Virtuelle Realität in einer Science-for-Public-Ausstellung

Einheimische und Besucher

Dass nicht alle Einheimischen glücklich sind über das Rieseninteresse an der Stadt, erklärt uns Camille van Neer. Der Künstler lebt mittlerweile am Stadtrand, er selbst ein Opfer der ständig steigenden Mieten, verursacht durch Gentrification und den Airbnb-Boom. Wir treffen Camille am Hauptbahnhof, direkt gegenüber der völlig überlaufenen Innenstadt. Zehn Minuten Fährfahrt später kommen wir in Amsterdam-Noord an und spazieren durch leere Gassen, Grünanlagen und vorbei an Cafés, in denen Einheimische beim Plausch zusammensitzen. Hier hat Camille früher gewohnt. Mittlerweile sei das ehemalige Arbeiterviertel hip, attraktiv für junge Leute und Studenten auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum. „Wenn ihr ein paar Kilometer geradeaus geht, fängt hinter der Stadtautobahn ‚das echte Holland‘ an, mit Poldern, Kühen und Windmühlen“, sagt Camille und zeigt nach Norden. „Aber da will der ‚normale Amsterdam-Tourist‘ ja nicht hin“.

Das Rotlichtviertel

„Hier kommen sie alle hin“, erzählt uns Ferrie, seinen Nachnamen behält er für sich. „Vor 20 Jahren hat sich selbst die Polizei kaum hergewagt:“ Er muss es wissen: Lange Jahre hat er als Drogenabhängiger in Amsterdam Redlight-District sein Dasein gefristet. Seit er clean ist, arbeitet er als Gästeführer für Amsterdam Underground. Das Sozialprojekt schlägt die Brücke zwischen Rehabilitationsmaßnahme und Tourismusbetrieb. „Heroin war das große Ding in den 70ern und 80ern, es wurde offen gedealt und wer hier reinkam, der wusste um die Gefahr. Es herrschte Anarchie und das Viertel war abgeschrieben. Ein Glücksfall, wie es Ferrie im Rückspiegel betrachtet. „Es gab Pläne, hier ein modernes Zentrum zu bauen. Weg mit den ganzen Altbauten. Dann würde es hier heute so aussehen“, er zeigt auf einen Betonbau im Retrostil. Er führt uns entlang der Coffeeshops – Cafès, die legal Mariuhana verkaufen –, den Prostituierten in den Schaufenstern, Sexshops und Souvenirläden und reflektiert dabei die Veränderung, die mit dem Tourismus kam – gut wie schlecht.

Mehrwert aus Müll und Wiederverwertung

Dass eine Stadt ein dynamischer Körper ist, verdeutlicht auch Jeroem Apers. Der Architekt ist Mitbegründer des Projekts „De Ceuvel“, in dem auf einem ehemaligen Werftgelände für eine Zwischennutzungszeit von zehn Jahren ein Modellgebiet für die Circular Economy entsteht. „Wir haben ausrangierte Hausboote zu Startup-Labs ausgebaut, aus Müll ein Café gebaut und betreiben Forschung zu Ökologischer Schadstoffreinigung, Aquaponik und Kreislaufwirtschaft.“ Seetang-Burger, Bier aus Regenwasser und alternative Städteplanung steht auf den Werbetafeln der ansässigen Betriebe. Ein paar hundert Meter weiter begrüßt uns das NDSM-Gelände bereits mit bunt besprühten Wänden. Die ehemalige Werft ist heute ein viel besuchtes offenes Atelier für Künstler, samt Hotel im ehemaligen Verladekran und Container-Restaurant mit Strandbar. Von hier aus führt uns die Innovative Tour von Smart City Amsterdam auf einer App-gesteuerten Selbsterkundungstour zurück über den Ij zum Hauptbahnhof.

 

Das Café de Ceuvel ist der Dreh- und Angelpunkt der Mini-Siedlung, die in Amsterdam Noord mit der temporären Nachnutzung einer stark kontaminierten ehemaligen Schiffswerft erforscht, wie Kreislaufwirtschaft, Re-Use und Renaturierung ökonomisch tragfähig sein können.

 

Arbeit und Freizeit unter einem Dach

Digital ist ein großes Ding in Amsterdam. Das wird uns klar im ZOKU. Das Hotel wurde vom Forbes-Magazin als eines der 25 besten Hotels der Welt gelistet. Es ist ein Ort, der Amsterdamern und Touristen gleichermaßen ein Zuhause sein will. Hängematten auf der Dachterrasse, Stifteboxen auf den Tischen, Workboxes, Sofas und dazwischen ein super aufmerksames Theken-Team, das sich am Sonntagmorgen um das Brunchbuffet für die permanent hereinströmenden Auswärtsfrühstücker aus nah und fern kümmert. Amsterdam betreibt Zielgruppen-Marketing, Digital Nomads und junge Kreative sind gern gesehene Gäste. Die Kombination aus Coworking-Space und Hotel finden wir zwei Kategorien niedriger auch im Volkshotel wieder. ‚Brooklyn-style‘ und ‚Shabby-chick‘ bilden hier das Ambiente für ein entspanntes Zusammentreffen von Amsterdamern und solchen, die es vielleicht werden wollen. Vielleicht sehen sie sich auch wieder in den Foodhallen, dieser alten Fabrikhalle, in der heute ein Dutzend Pop-up-Restaurants ihre Snacks anbieten.

 

Das ZOKU-Hotel wurde vom Forbes-Magazin als eines der 25 coolsten Hotels weltweit gelistet. Es heißt mit seinem Coworking-Konzept internationale Reisende, oftmals Digital Nomads, ebenso willkommen wie einheimische Unternehmer.

 

Auch das Volkshotel bedient die steigende Anzahl der digital arbeitenden Freelancer und schafft so eine Begegnungsstätte für die lokale Bevölkerung und die Stadt-Besucher aus der ganzen Welt.

 

Zum Kurs

Im Modul MAIM-244 „International Tourism Management“ studieren sowohl Bachelor-Absolvierende mit Tourismus-Hintergrund als auch völlig Fachfremde. Mit einer eingehenden theoretischen Pressbetankung zum internationalen Tourismus geht die Einladung einher, dieses globale Phänomen in die Zukunft zu denken. Die Studierenden reflektieren dabei Prozesse, identifizieren und extrapolieren Trends, schaffen Zusammenhänge und reduzieren Komplexes auf das Wesentliche. Die Aufgabe: „Wie sieht Tourismus in Städten im Jahr 2040 aus?“ Der Input aus der Amsterdam-Exkursion öffnet den Blick auf neue Entwicklungen, regt zum Denken „Outside the box“ an und ist Grundlage für die Entwicklung von Szenarien, die anhand von wissenschaftlichen Postern und flankierenden Blog-Beiträgen vorgestellt werden. Der Kurs schlägt damit die Brücke zwischen den vom Wissenschaftsrat im Kontext Gute Lehre geforderten Kompetenzen und Nachhaltigkeit, Digitalisierung sowie internationaler Ausrichtung der Studieninhalte.

 

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